4 Interventionen bei LRS – und anderen Lernenden

Stufe
1. Zyklus 2. Zyklus 3. Zyklus
1 (KG) 2 (KG) 3 4 5 6 7 8 9 10 11
Sprache(n) Deutsch und Englisch; übertragbar auf andere Fremdsprachen
Autor Michael Wirrer, basierend auf Ideen von Sophie Willemin

Lernende mit Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten (LRS), die oftmals schon in ihrer Erstsprache mit Lesefluss und korrekter Schreibweise zu kämpfen haben, erleben dasselbe Szenario beim Lernen von Fremdsprachen. Vor allem Englisch als nicht phonetische Sprache (Gerlach, 2015, S. 144) stellt für alle Lernenden mit LRS eine grosse Hürde dar – Muttersprachlerinnen und Muttersprachler (Daloiso, 2014, S. 2) sowie Lernende, die Englisch als Fremdsprache lernen.

Sophie Willemin, Logopädin im Kanton Neuenburg und Dozentin für Sonderpädagogik an der Haute École BEJUNE, kennt aus ihren tagtäglichen Praxiserfahrungen die Probleme, vor welchen Deutsch- und insbesondere Englischlernende mit LRS stehen. Sie empfiehlt ihren Studierenden, praktizierenden Lehrpersonen und sonderpädagogischen Kolleginnen und Kollegen Interventionen auf verschiedenen Ebenen.

Im Schulalltag bewusst fördern, anstatt Erwartungen senken

Für die Lehrperson gilt es, möglichst optimale organisatorische Rahmenbedingungen für Lernende mit LRS zu schaffen. So soll für diese bei derselben Lese- oder Schreibaufgabe mehr Zeit zur Verfügung stehen. Um die Arbeitsblätter und schriftlichen Dokumente für Lernende mit LRS verständlich zu gestalten, soll eine möglichst klare Schrift ohne Serifen (z. B. Arial 14) gewählt werden (vgl. OpenDyslexic).

Mir ist für Lernende mit LRS vor allem ein multisensorischer Zugang zu den Fremdsprachen sehr wichtig. Einerseits lasse ich sie zum Beispiel die englischen Wörter in einem ersten Schritt so aussprechen, wie sie dies in ihrer Erstsprache tun würden, und ermutige sie, durch kreatives Spiel mit dem Wortlaut sich diesen zu eigen zu machen. Andererseits sollen die Lernkanäle auch visuell und kinästhetisch stimuliert werden, da vor allem für lese- und schreibschwächere Lernende der rein auditive Zugang zu einer nicht-phonetischen Fremdsprache wie Englisch nur bedingt weiterhilft. So lasse ich sie zur visuellen Verankerung eines Wortes ein einfaches Bild dazu malen oder mit einer Bewegung darstellen.

Selbst grammatikalische Aspekte lassen sich sowohl visuell als auch kinästhetisch üben und nachhaltig memorieren. In Deutsch können zum Beispiel die drei Genera «der», «die» und «das» durch Farbkodierung und durch gezielte Bewegungsformen der Lernenden im Klassenzimmer geübt werden. Dabei verkörpern bestimmte Lernende den Genus «der» mit blauer Farbe und begeben sich im Klassenzimmer zu Objekten mit männlichem Geschlecht, während andere Lernende dasselbe für den Genus «die» mit oranger Farbe respektive für den Genus «das» in grüner Farbe tun.

Geeignete ICT-Ressourcen nutzen

Zusätzlich zu den genannten methodisch-didaktischen Interventionsformen soll meines Erachtens die Schule den Lernenden auch Strategien (z. B. Memorierungstechniken, Lesetandems etc.) und Hilfsmittel als Support zur Kompensation ihrer Lernschwierigkeiten vermitteln. Entsprechend sollen Technologien aus der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler Eingang in den Fremdsprachenunterricht finden.

So erstellen die Lernenden mit LRS zu Hause ihre individuellen Wörterlisten im Fach Deutsch und Englisch mit dem Computer. Auf Blogs können sich die Lernenden dann diese Wörter mit der korrekten Aussprache anhören und schriftlich repetieren. Der Kanton Neuenburg stellt seinen Lernenden einen solchen Blog zu Verfügung. Mit dem Einsatz von technischen Geräten (z. B. Tablets) und Lese- und Schreibhilfen-Apps werden die Lernenden mit Legasthenie befähigt, ihre Teilleistungsschwäche zu kompensieren, um so in ihrer schulischen und beruflichen Entwicklung nicht benachteiligt zu werden. Im Fokus stehen letztlich die Partizipation und die Motivation für ein lebenslanges Lernen.

Zusammenarbeit für die gezielte Förderung der Lernenden mit LRS

Die erwähnten sonderpädagogischen Massnahmen und Interventionen, die letztlich einer verfeinerten Pädagogik entsprechen, sind für Lernende mit LRS dann erfolgreich, wenn die Lehrpersonen auch für die Fremdsprachen mit dem sonderpädagogischen Fachpersonal kooperieren und auch diese sich untereinander vernetzen. So hat sich in der Westschweiz unter dem Namen «GRe10» kürzlich ein Verband von engagierten freiwilligen Lehrpersonen, sonderpädagogischen und therapeutischen Expertinnen und Experten wie auch Eltern formiert, welche Tipps und schulische Unterrichtsideen sowie -materialien für Lernende mit Lernschwierigkeiten auf ihrer Website gratis zu Verfügung stellen und austauschen. Siehe auch das Thema «Legasthenie und Fremdsprachen» vom Verband Dyslexie Schweiz.

Nur für Lernende mit LRS?

Ein multisensorischer Zugang erweist sich als besonders hilfreich für Lernende mit LRS. In einer Klasse befinden sich aber Lernende mit unterschiedlichen Lernstilen, die auch von den dargestellten Interventionen profitieren können. Wenn diverse Sinne für das Fremdsprachenlernen aktiviert werden, werden die Lernenden eher in der Lage sein, die für sie passenden Lernstrategien herauszufinden und sich diese anzueignen.

Im Lehrplan und Lehrmittel

Lernende mit Lernschwierigkeiten in Fremdsprachen werden in den Lehrplänen der verschiedenen Sprachregionen unter dem Aspekt der Heterogenität erwähnt. Diese plädieren generell für Lernfortschritte möglichst aller Lernenden. Die verschiedenen Fremdsprachenlehrmittel bieten zwar Arbeitsideen und -unterlagen zur Binnendifferenzierung, spezifische Interventionen und explizite Zusatzmaterialien für Lernende mit LRS und anderen Teilleistungsschwächen werden aber nach wie vor den sonderpädagogischen Expertinnen und Experten überlassen.

Die bibliographischen Angaben finden Sie im Dokument «Was sagt die Forschung dazu».

Downloads zum Beispiel

Interventionen bei Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten (LRS), die auch anderen Lernenden helfen (pdf)
Was sagt die Forschung dazu (pdf)

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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 31.10.2017

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