2 Muttersprachler im Fremdsprachenunterricht

Stufe
1. Zyklus 2. Zyklus 3. Zyklus
1 (KG) 2 (KG) 3 4 5 6 7 8 9 10 11
Sprache(n) Deutsch; übertragbar auf andere Fremdsprachen
Autor Michael Wirrer, basierend auf ein Projekt von Wanda Zurini

Förderung der individuellen Sprachfertigkeiten statt Grammatik

Im Kanton Tessin wird Deutsch ab dem 9. Jahr der obligatorischen Schule (im Tessin zweites Jahr der Scuola Media) als Fremdsprache unterrichtet. Lernende mit der Erstsprache Deutsch oder Schweizerdeutsch, für die der Deutschunterricht sprachlich zu einfach oder zu wenig anspruchsvoll ist, wurden oft mit zusätzlichen Grammatikübungen beschäftigt. Eine differenzierte Förderung in den verschiedenen Sprachfertigkeiten dieser Lernenden fand nicht statt. Innovative Kräfte im Bildungswesen des Kantons Tessin wollten dieser Situation Abhilfe schaffen und kreierten ein Förderkonzept für deutschsprachige Muttersprachler an der Scuola Media.

Das Konzept dieses Förderprogramms «Progetto Deutsch für Deutschsprachige im Tessin» sieht vor, dass den Muttersprachlerinnen und -sprachlern die Möglichkeit geboten wird, selbstständig an entwickelten Unterrichtsmaterialien zu arbeiten, um einerseits ihre Lese- und Textkompetenz zu entwickeln und andererseits ihre Sprech- und Schreibfertigkeit mittels mündlicher und schriftlicher Präsentationen zu verbessern (Zurini, W. & Nodari, C., 2015, S. 3).

So begann Wanda Zurini, selbst eine engagierte Deutschlehrerin an der Scuola Media in Losone, in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Claudio Nodari, Dozent für DaZ-Didaktik an der PHZH, authentische altersgerechte Texte aus deutschsprachigen Jugend- und Fachzeitschriften sowie Broschüren didaktisch aufzubereiten.

Aktuelle Texte aus der Lebenswelt der Lernenden

Wanda Zurini berichtet: Zum Thema Mode, das die Jugendlichen sehr interessiert, habe ich in einer Zeitschrift den Artikel «Sneaker Freaks» (Bauer, A., 2014) gefunden. Ich habe diesen Text didaktisch entsprechend aufbereitet, indem ich anhand des Titels zuerst das inhaltliche und sprachliche Vorwissen der Lernenden zum gegebenen Thema aktiviert habe. In einem weiteren Schritt teilte ich den Lesetext in verschiedene Unterkapitel auf, in denen die deutschsprachigen Schülerinnen und Schüler spezifische Fragen zum Textverständnis selbstständig mit allfälligem Sprachsupport (z. B. Wörterbuch) beantworten mussten (z. B. «Lies den zweiten Textabschnitt. Kennst du das Wort Podest? Wenn ja, schreib auf, in welchem Zusammenhang du das Wort schon gehört hast, und erkläre, was es in diesem Zusammenhang bedeutet. Wenn nein, suche das Wort im Wörterbuch und notiere seine Bedeutung.» Zurini & Nodari 2015: S. 39). Wichtig bei der didaktischen Aufbereitung ist für mich, dass die Lernenden bei der Arbeit mit den Texten sich sowohl Lesestrategien aneignen als auch die Texte durch Hypothesen- und Meinungsbildung inhaltlich reflektieren (z. B. «Kannst du dir vorstellen, wie der Schuhgeschmack der Schüler in deinem Schulhaus in zwei Jahren sein wird? Werden sie Sneakers oder andere Schuhe tragen? Stelle Vermutungen an und schreibe 3 bis 4 Sätze dazu auf.», Zurini & Nodari 2015: S. 44).

Von der Rezeption zur Präsentation für die ganze Klasse

Die Produkte der Leseprojekte werden dann in schriftlicher und mündlicher Form mit Hilfe von strukturierenden Sprachhilfen der gesamten Klasse präsentiert und anhand eines vorgegebenen Kriterienrasters sowohl von den Mitschülerinnen und -schülern als auch von der Lehrperson bewertet. Neben der Fremdevaluation findet auch eine Selbstevaluation der deutschsprachigen Lernenden statt, in der sie einerseits ihren Lernfortschritt festhalten, sich aber auch sprachliche Ziele für weitere Projekte setzen.

Die Rückmeldungen der betroffenen Lernenden sowie ihrer Mitschülerinnen und -schüler sind äusserst positiv. Was die Arbeitsgruppe und mich besonders freut, ist die Tatsache, dass auch die weiterführende Scuola Media Superiore (Mittelschule) unsere didaktisierten Textprojekte verwendet und so unser Förderprogramm für Deutschsprachige fortsetzt.

In den Lehrplänen und Lehrmitteln

Lernende, deren Erstsprache gleichzeitig die Zielsprache des Fremdsprachenunterrichts ist, werden in den Lehrplänen der verschiedenen Sprachregionen unter dem Aspekt der Heterogenität erwähnt (siehe das Kapitel «Grundlagen» im Lehrplan 21, Plan d’études romand, «Finalità della scuola dell'obbligo ticinese» im Piano di studio della scuola dell’obbligo ticinese). Diese plädieren generell für Lernfortschritte möglichst aller Lernenden. Ebenso bieten die verschiedenen Fremdsprachenlehrmittel Arbeitsideen und -unterlagen zur Binnendifferenzierung.

Die bibliographischen Angaben finden Sie im Dokument «Was sagt die Forschung dazu».

Downloads zum Beispiel

Wenn Lernende die Fremdsprache als ihre Erstsprache beherrschen: ein Projekt für Deutschsprachige im Tessin (pdf)
Was sagt die Forschung dazu (pdf)

Diese Seite in: Français Italiano

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 31.10.2017

Job