3 Peer-Feedback: Selbstporträt

Stufe
1. Zyklus 2. Zyklus 3. Zyklus
1 (KG) 2 (KG) 3 4 5 6 7 8 9 10 11
Sprache(n) Französisch und Deutsch, übertragbar auf andere Sprachen
Autor Christof Chesini und Peter Klee

Als Auftakt eines langfristigen Austauschprojektes (siehe Kapitel Austausch und Mobilität, aber auch im Rahmen eines einmaligen Briefaustausches – oder einfach als Aktivität im Klassenzimmer lässt sich ein «Selbstporträt» auch in der Fremdsprache anfertigen.

Seit mehreren Jahren führt der «Cycle d’orientation» in Colombier (NE) ein Austauschprojekt mit der Oberstufe in Speicher (AR) durch. Ein motivierender Einstieg ins Projekt ist dabei sehr wichtig und sollte mit besonderer Sorgfalt vorbereitet werden. Vor einem ersten Treffen stellen sich die Lernenden in origineller Art und Weise gegenseitig schriftlich vor. Inhalt und Form der Präsentation sollen den möglichen Austauschpartnerinnen und -partnern einen ersten Kontakt ermöglichen.

Folgender Erfahrungsbericht eines Lehrers aus Colombier zeigt auf anschauliche Weise, wie im Rahmen dieser Aktivität sprachliches Handeln im Bereich des Texteschreibens geübt wird und wie sich die Lernenden dabei mittels Peer-Feedback unterstützen.

Schreibprozess: Erfolg in mehreren Etappen

Bevor die eigentliche Arbeit am Text beginnt, lasse ich meine Schülerinnen und Schüler einen Steckbrief (siehe Anhang 1) ausfüllen, thematisiere die drei Phasen des Schreibprozesses und weise auf wichtige Strategien vor, während und nach dem Schreiben hin. Anschliessend gehe ich in einem persönlichen Brief auf einzelne wichtige Aspekte wie Schreibabsicht, Textaufbau und Textgestaltung ein. Diese Themen kommen auch in Lehrmitteln vor und sind den Lernenden aus anderen Sprachfächern bekannt, erhalten aber im Hinblick auf die Leserschaft im entsprechenden Sprachgebiet eine ganz andere Bedeutung.

Beim Ausfüllen des Steckbriefes notieren sich die Lernenden stichwortartig, was ihnen besonders wichtig scheint: Geschwister, Vorlieben und Abneigungen, Hobbys usw. Dabei lässt sich das Vokabular vertiefen und nuancieren: Ich habe eine Schwäche für ..., Ich schätze es nicht besonders, wenn ... Im Bereich der Hobbys gilt es, sich zu hinterfragen, was daran so aufregend ist: Ich bin Fussballfan, weil ... Die Partnerklasse erhält in der Präsentation auch ein Selfie der Lernenden. Je nach Niveau der Klasse ergänzt eine kurze Beschreibung der eigenen Person im Sinne eines Selbstporträts die Stichwortliste: Ich bin gerne fröhlich / eher schweigsam. Es bleibt bei den positiven bzw. neutralen Charaktereigenschaften. Es geht ja nicht darum, seine Schwächen offenzulegen.

Bei Fragen beim Schreiben stehe ich selbstverständlich zur Verfügung. Da die Texte nicht von mir korrigiert werden, ist eine sorgfältige Peer-Überarbeitung, wie sie meine Schülerinnen und Schüler auch aus anderen Sprachfächern kennen, unerlässlich: Der Text wird zuerst inhaltlich und erst dann formal korrigiert.

Durch Peer-Feedback Bewusstsein für die Leserschaft entwickeln

Für die Peer-Überarbeitung hat sich folgendes Vorgehen bewährt:

  1. Die Lernenden arbeiten zu zweit und stellen sich gegenseitig die Texte vor: Der eine liest vor, der andere hört zu und liest mit. Der Zuhörer berichtet spontan, was ihm im Text am besten gefallen hat und was den Empfänger besonders interessieren wird. Er kontrolliert anschliessend mit Hilfe des Arbeitsblattes «Partnerevaluation» (Anhang 2), ob alle wichtigen Informationen enthalten sind.

  2. Die Peers lesen gegenseitig den Text und geben sich ein Feedback: Was ist noch nicht klar? Wo wären zusätzliche Ausführungen wichtig? Sie markieren unverständliche Stellen mit einem «?» und machen mindestens zwei Vorschläge zu Textstellen, die noch mehr ausgeführt werden könnten. Sie notieren die Vorschläge auf einen Klebezettel und kleben diesen an die betreffende Stelle im Text.

  3. Die Lernenden diskutieren die Vorschläge und überarbeiten den Text aufgrund der Anregungen, die sie erhalten haben.

  4. Nach der Überarbeitung wird der Text nach orthographischen und grammatischen Fehlern abgesucht. Der gegenwärtige Stand des Sprachwissens der Lernenden ist dabei ausschlaggebend.

Nach dem Inhalt, die Form

Mindestens ebenso wichtig ist meinen Schülerinnen und Schülern die originelle «Verpackung» der Beschreibung. Ich zeige ihnen dazu Beispiele aus früheren Jahren (siehe Anhang 3) und stelle Leitfragen, um ihnen einige Anhaltspunkte zu geben. Ein passender Anknüpfungspunkt wird meist im Bereich der Hobbys gefunden.

Die Briefe aus Colombier stossen bei den Schülerinnen und Schülern in Speicher (AR) auf grosses Interesse, das zeigt der Bericht des Lehrers der Appenzeller Partnerklasse:

Eine grosse Überraschung ist jeweils der erste Kontakt mit der Partnerklasse. Die Schülerinnen und Schüler aus Colombier stellen sich auf Deutsch vor, aber nicht etwa mit einem brav abgefassten und vom Lehrer korrigierten Brieflein, sondern in einer phantasievollen Art und Weise, wie man das nun wirklich nicht erwartet hat: Die begeisterte Hip-Hopperin präsentiert sich im CD-Cover ihrer Lieblingsgruppe, der Xamax-Fan hat in einer Schuhschachtel ein ganzes Fussballfeld aufgebaut usw. (Trait d’union, 49/2008).

In den Lehrplänen und Lehrmitteln

Der Schreibauftrag ist in hohem Masse mit dem Lehrplan kompatibel (Lehrplan 21, Plan d’études romand, Piano di studio della scuola dell’obbligo ticinese). Die Lernenden berichten mit einfachen Worten über sich selbst oder vertraute Personen und verwenden dabei einfache Strukturen. Sie setzen Strategien ein, um einen Text zu produzieren, der von den Adressaten verstanden wird. Mit einfachen Gestaltungsmitteln erzielen sie eine ästhetische Wirkung. Im kulturellen Bereich treten sie mit deutschsprachigen Gleichaltrigen in Kontakt und machen deren Bekanntschaft.

Auf der Primarstufe lässt sich der Schreibauftrag ebenfalls verwenden. Je nach Vorkenntnissen der Lernenden wird man etwas mehr Hilfestellung leisten und einfachere Redemittel verwenden müssen.

Peer-Feedback ist Ausdruck eines allgemeinen Verständnisses für Lehr- und Lernprozesse und verbindet fachliche und überfachliche Kompetenzen: Die Schülerinnen und Schüler sind ernstzunehmende Akteure. Zwar verfügen sie nicht über die Expertise ihrer Lehrperson, werden aber ermutigt, ihren eigenen Fähigkeiten zu vertrauen und sich mit ihren Gedanken und Ideen im Unterricht einzubringen. Zur Entwicklung von Kriterien für ein Peer-Feedback mit der ganze Klasse: siehe Kapitel Von der Beurteilung zur Bewertung, Beispiel 1 «Beurteilungsraster mit der Klasse entwickeln».

Auf Schulebene

Das Selbstporträt wird idealerweise mit einem Klassenaustausch verbunden, um Kontakt mit einer Partnerklasse aufzunehmen (siehe dazu: Praxisbeispiele zu Austausch und Mobilität. Die Schülerinnen und Schüler profitieren aber auch dann, wenn sich daraus über eine gewisse Zeit ein gegenseitiger Brief- oder Mailaustausch mit einer Klasse aus dem Zielsprachengebiet entwickelt. Die Lernenden gebrauchen die Sprache in authentischen Situationen und erfahren unmittelbar den Nutzen der zu lernenden Fremdsprache.

Aber auch ausserhalb einer Austauschaktivität behält diese Lernaufgabe ihre Originalität: So kann sie bei Schulbeginn in einer neu zusammengesetzten Klasse das gegenseitige Verständnis fördern, das Produkt kann in eine Klassenzeitung einfliessen oder an einem Elternabend ausgestellt werden. Werden die Porträts in einer schulinternen Ausstellung präsentiert, haben auch Schülerinnen und Schüler aus anderen Klassen die Möglichkeit, eine positive Rückmeldung zu geben und das Peer-Feedback wird auf die gesamte Schule ausgeweitet.

Downloads zum Beispiel

Selbstporträt – Peer-Feedback im Fremdsprachenunterricht (pdf, mit Anhängen)
Anhang 1 (pdf)
Anhang 2 (pdf)
Anhang 3 (pdf)
Was sagt die Forschung dazu (pdf)

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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 31.10.2017

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