3 Arbeiten mit vereinfachtem Lesetext beurteilen

Stufe
1. Zyklus 2. Zyklus 3. Zyklus
1 (KG) 2 (KG) 3 4 5 6 7 8 9 10 11
Sprache(n) Englisch, auf andere Sprachen übertragbar
Autorin Laura Loder Büchel

Ich arbeite im Unterricht gern mit Graded Readers. Sie ermöglichen unterschiedliche Aufgaben auf verschiedenen Stufen und vermitteln jeweils nach jeder Aktivität das Gefühl, dass man etwas abgeschlossen hat. Das vorliegende Beispiel stammt aus einer sechswöchigen Einheit (zwei Lektionen pro Woche) über Tom Sawyer (Twain 1896). Es lässt sich aber ohne Weiteres auf andere Aufgaben mit beliebigen Graded Readers in jeder Fremdsprache übertragen (Beispiele von vereinfachten Lesetexten auf Französisch siehe ZEBIS lecture facile; Beispiele auf Deutsch siehe Bibliomedia Easy Reader Deutsch). Bei der Notenverleihung beurteile ich die Produkte der Aktivitäten und nicht die umgesetzten Kompetenzen, auch wenn bei jeder Aktivität verschiedene kommunikative Kompetenzen zum Zug kommen (Lesen, Schreiben, Hören und Sprechen).

Überlegungen vor Beginn der Aktivität

Bevor ich einen Test schreibe, frage ich mich jeweils, was ich erreichen will: Lege ich Wert darauf, dass bestimmte Wörter oder Strukturen verwendet werden, oder bin ich zufrieden, wenn die Schülerinnen und Schüler einfach etwas verstanden haben und sich ausdrücken können? Will ich, dass gewisse Dinge genau wiedergegeben werden? Mit meinen jüngeren Schülerinnen und Schülern mache ich gar keine Prüfungen, sondern führe eher kleine wöchentliche Quiz durch, damit sie am Ball bleiben. Meine älteren Schülerinnen und Schüler lasse ich an Projekten arbeiten, welche die Tests ergänzen oder gar ersetzen.

Nachdem ich einen Test durchgeführt habe, analysiere ich sie auch. Denn oft finde ich etwas, was unklar war, und dies muss ich dann bei der Endbenotung ehrlicherweise berücksichtigen: Wenn alle etwas falsch verstanden oder missverstanden haben, dann war an meiner Frage etwas falsch!

Ich berechne bei Prüfungen nie den Klassendurchschnitt, denn wenn man das tut, dann sollte man auch den Median berechnen, und dies ist überhaupt nicht auf die Kompetenzen ausgerichtet.

Beurteilung der Lernenden während der Arbeit an einem Projekt

Die Tom-Sawyer-Einheit beinhaltete im Verlaufe mehrerer Wochen die folgenden Elemente:

  • Aufwärmaktivitäten im Unterricht, die für die Verleihung von Noten dienten (z. B. Lesen eines Kapitels, Aufschreiben zweier Aussagen wahr/falsch, die für ein Spiel verwendet wurden, aber im Hinblick auf die Richtigkeit (Schreibkompetenz) sowie das Verständnis (Lesekompetenz) erfasst und beurteilt wurden; oder Beginn einer Lektion mit einer kurzen Sprechübung, wie lautes Vorlesen einer Lieblingsformulierung oder Vortragen einer mündlichen Zusammenfassung).

  • Schreiben einer Zusammenfassung eines Kapitels, indem der ganze Korrekturprozess durchgespielt und auf Blabberize laut vorgelesen wird. Diese Übung diente der Verleihung von Noten in Lesen und Schreiben. Die «Blabbers» wurden später für die Arbeit über mehrere Stationen hinwegverwendet. Blabberize ist ein IKT-Tool, das ermöglicht, durch ein Bild zu sprechen (weitere Informationen über IKT-Tools für das Lernen und Unterrichten von Sprachen siehe ECML-Projekt ICT-REV und ICT-REV review of Blabberize). Andere ähnliche Tools sind online verfügbar.

  • Ein individueller Sprech-/Lese-Test (siehe Test in der Abb. 1 und in mehreren Sprachen im Anhang 1). Ich habe das Sprechen und Lesen voneinander getrennt. Denn was die Schülerinnen und Schüler sagten, zeigte, ob sie das Buch gelesen hatten (oder nicht). Das Sprechen wurde aufgrund der Kompetenz, es zu sagen, beurteilt und nicht immer in Bezug auf den Inhalt des Buchs. Für das Sprechen befragte ich die Schülerinnen und Schüler einzeln, während die anderen still an ihrem Platz arbeiteten.

  • Ein Lese-/Schreibtest Beim Schreibtest, der auch dazu dient, zu überprüfen, ob das Buch gelesen wurde (siehe Abb. 2 und in mehreren Sprachen im Anhang 2) habe ich Punkte für Inhalt, Richtigkeit und Vielfalt des Wortschatzes verteilt – ich nenne das CAR (Content, Accuracy, Range) – und Bilder aus dem Buch verwendet. Ich forderte die Schülerinnen und Schüler je nach ihren Fähigkeiten auf, eine bestimmte Anzahl Sätze aufzuschreiben. Insgesamt waren es sechs Bilder, die es zu beschreiben galt. Auch hier verteilte ich die Farben Rot, Gelb oder Grün für das Schreiben und das Lesen (denn wenn die Schülerinnen und Schüler das Bild nur beschrieben, ohne einen Bezug zum Buch herzustellen, dann hatten sie es vielleicht nicht so gut gelesen, wie ich das wollte).

Der Lesetest (siehe Abb. 3 und Anhang 3 in mehreren Sprachen) funktionierte gut, war aber kompliziert auszuwerten. Ich liess die Schülerinnen und Schüler das falsche Wort identifizieren und ein anderes Wort suchen, das mehr Sinn machte (Lesen) und das sie wenn möglich richtig schreiben würden (Schreiben). Damit wurde die Lesekompetenz gut getestet. Es wurde aber nicht nur überprüft, ob sie Tom Sawyer gelesen hatten (was ein gutes Gedächtnis erfordert), sondern auch, ob sie die innere Logik des Textes verstanden hatten (z. B. sass Tom nicht AUF Becky; es macht mehr Sinn, dass man in der Schule NEBEN jemandem sitzt).

Überlegungen und Fragen, die im Laufe der Zeit aufkamen

  • Es ist wirklich schwierig, die vier Kompetenzen zu trennen.

  • Ursprünglich vergab ich Punkte bei den Tests, kam dann aber zum Schluss, dass Punkte nicht viel Sinn machen. Deshalb korrigierte ich die Tests und machte pro Testteil drei Stapel: Schülerinnen und Schüler, die sehr gut abgeschnitten hatten; solche, die eine gewisse Anzahl falscher Antworten gegeben hatten; und solche, die schlecht abgeschnitten hatten (mehr als die Hälfte falsch gemacht). Im Notenheft notierte ich für jede spezifische Kompetenz (Lesen, Schreiben, Hören und Sprechen) Rot, Gelb oder Grün.

  • Wie lässt sich das Sprechen in einer 22-köpfigen Klasse beurteilen? Wie könnte man das Sprechen informeller beurteilen? Dies muss laufend durch Aufwärmaktivitäten, durch Notizen zum Unterrichtsgeschehen und durch formellere Situationen erfolgen, in welchen einige der Kinder still arbeiten und andere von der Lehrperson befragt werden. Aufnahmen von den Schülerinnen und Schülern zu machen, kann ebenfalls nützlich sein. Sie bereiten eine Zusammenfassung eines Kapitels vor und dann kann man sie aufnehmen und ihnen ein Feedback geben. Auch die Zusammenfassung des nächsten Kapitels wird aufgenommen, sodass der Schüler oder die Schülerin die eigenen Fortschritte zeigen und erkennen kann.

  • Ein Schüler oder eine Schülerin englischer Muttersprache hat den Originaltext gelesen. Es gibt auch vereinfachte Versionen dieses Buchs und von vielen anderen Klassikern «Easy Readers» für die Stufen A2 bis B2. Man könnte also den Kindern je nach Niveau verschiedene Bücher geben. Sollte man sie dann aber gleich beurteilen oder nicht?

Beurteilung versus Benotung

Dieses Beispiel dient als Basis für die Unterrichtsformen, die ich mit meiner neuen Klasse bei anderen Büchern verwenden werde. Ich vergebe keine Punkte mehr, weil ich finde, dass dies vom Lernen ablenkt. Ausgehend von meinen Notizen, teile ich die Schülerinnen und Schüler in drei Gruppen ein: jene, welche die Aufgabe verstanden haben, erhalten «Grün»; jene, die nicht alles verstanden haben, erhalten «Gelb»; und jene, die es «nicht verstanden» haben, erhalten «Rot». Natürlich wird dies alles bei Semesterende in Ziffernnoten (6, 5, 4 oder weniger) umgewandelt. Ich finde jedoch, dass ich mir bei Prüfungen ohne prozentuale Bewertungen oder «Anzahl Falsche versus Anzahl Richtige» ein besseres Bild von den Leistungen, Fortschritten und Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler machen kann. Dasselbe gilt für die Schülerinnen und Schüler selber sowie für deren Eltern. Ich habe einen umfassenderen Überblick über das, was sie « können». Ich kann feststellen, ob meine Prüfung gut formuliert war (oder nicht). Und ich denke genauer darüber nach, was ich beurteile. Damit will ich sicherstellen, dass mein Test einem Muster folgt (Gab es Einzelheiten, welche die Schülerinnen und Schüler nicht verstanden haben oder handelte es sich um das globale Verständnis?). Dennoch gibt es natürlich auch Gruppen von Schülerinnen und Schülern, die eine «6», und solche, die eine «4» erhalten. Aber ich stütze mich auf den Durchschnitt, indem ich genauer auf die verschiedenen spezifischen Kompetenzen (Lesen, Schreiben, Hören und Sprechen) achte, die ich unterrichte und somit auch beurteile.

Die bibliographischen Angaben finden Sie im Dokument «Was sagt die Forschung dazu».

Downloads zum Beispiel

Beurteilung von Arbeiten mit einem vereinfachten Lesetext (Graded Reader) (pdf, mit Anhängen)
Anhang 1 (pdf)
Anhang 2 (pdf)
Anhang 3 (pdf)
Was sagt die Forschung dazu (pdf)

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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 31.10.2017

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